Warum wird der Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen auf Ab-Hof-Ebene festgelegt, während der Fairtrade-Mindestpreis auf Exportebene ("Free on Board", FOB) definiert ist?
Der Fairtrade-Mindestpreis gilt für Transaktionen zwischen Bauernkooperativen und Händlern am Ort der Ausfuhr (bekannt als "Free on Board" oder FOB). Das bedeutet, er berücksichtigt Kosten wie Transport zum Hafen und anfallende Ausfuhrsteuern. Fairtrade-Mindestpreise werden in US-Dollar festgelegt. Der Fairtrade-Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen richtet sich danach, was ein einzelner Bauer oder eine einzelne Bäuerin beim Verkauf eines Produkts erhalten muss, um ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Deshalb wird dieser Preis auf Ab-Hof-Ebene („farm gate“) festgelegt, also der Preis, den Kooperativen ihren Mitgliedern beim Ankauf zahlen. Diese Referenzpreise werden meist in der lokalen Währung angegeben.
Warum setzt Fairtrade den Fairtrade-Mindestpreis nicht einfach auf das Niveau des Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen?
Es gibt Zeiten, in denen die Weltmarktpreise auf dem Niveau unserer Referenzpreise für ein existenzsicherndes Einkommen liegen oder diese sogar übersteigen. Das war zum Beispiel 2021 in Kolumbien der Fall, als wir unseren allerersten Referenzpreis für Kaffee aus diesem Land einführten. Die globalen Kakaopreise liegen aktuell über den Referenzpreisen für ein existenzsicherndes Einkommen in Ghana und Côte d’Ivoire. Doch die Preise vieler Produkte sind sehr instabil. Eine Anhebung des Fairtrade-Mindestpreises auf ein FOB-Äquivalent des Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen könnte dazu führen, dass Bäuerinnen und Bauern insbesondere in Zeiten sehr niedriger Marktpreise ihre Fairtrade-Verkäufe verlieren – was ihre Lage verschlechtern würde.
In Konsultationen haben Fairtrade-Produzent*innen den Wunsch geäußert, Referenzpreise behutsam einzuführen und zunächst zu beobachten, wie der Markt reagiert, bevor größere Veränderungen umgesetzt werden. Wir setzen uns klar für existenzsichernde Einkommen für Landwirt*innen ein, wissen aber auch, dass dabei die aktuellen Marktbedingungen berücksichtigt werden müssen.
Gleichzeitig ist klar: Ein menschenwürdiges Einkommen für Bäuerinnen, Bauern und Arbeiter*innen ist ein grundlegendes Menschenrecht, und Verbraucher*innen, Marken und Einzelhändler legen immer mehr Wert auf dessen Einhaltung. Deshalb setzen wir auf gemeinsames Lernen und entwickeln Ansätze weiter, die den Branchenstandard anheben und die Zahlung von Referenzpreisen für ein existenzsicherndes Einkommen zur gängigen Praxis zu machen.
Wie wissen Unternehmen, welchen Preis sie den Kooperativen zahlen müssen, um den Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen auf Ab-Hof-Ebene zu erreichen? Gibt Fairtrade ein FOB-Äquivalent zum Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen an?
Für einige Produkte und Herkunftsländer haben technische Arbeitsgruppen durchschnittliche Betriebs- und Exportkosten von Produzentenorganisationen ermittelt, um ein FOB-Äquivalent zum Referenzpreis festzulegen. Da Produzentenorganisationen jedoch stark unterschiedliche Kostenstrukturen aufweisen – je nach Größe und den angebotenen Dienstleistungen für ihre Mitglieder – empfiehlt Fairtrade, den FOB-Preis direkt mit der jeweiligen Produzentenorganisation abzustimmen, um sicherzustellen, dass alle tatsächlichen Kosten gedeckt sind.
Hinzu kommt, dass Bäuerinnen und Bauern ihre Ernte zu unterschiedlichen Zeitpunkten an ihre Kooperative verkaufen – teils vor, teils nach dem Abschluss eines Vertrags zwischen Kooperative und Käufer. Interne wie externe Marktpreise schwanken täglich. Daher besteht kein direkter Zusammenhang zwischen dem vereinbarten Exportpreis und dem tatsächlich gezahlten Ab-Hof-Preis. Auch Wechselkursschwankungen und andere Faktoren machen es schwierig, einen einheitlichen Umrechnungsfaktor vom Ab-Hof-Preis zum FOB-Preis festzulegen.
Daher gilt: Unternehmen sollten transparent machen, welchen Preis sie zahlen, und davon ausgehen, dass zusätzlich zum Ab-Hof-Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen auch Exportkosten gedeckt werden müssen.
Erhalten die Bäuerinnen und Bauern den vollen Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen?
Hier ist es wichtig, die Erwartungen realistisch zu halten. Es gibt viele Faktoren, die außerhalb der Kontrolle eines einzelnen Unternehmens liegen. Selbst wenn sich ein Unternehmen verpflichtet, den Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen zu zahlen, ist das keine Garantie dafür, dass dieser Betrag vollständig bei den Bäuerinnen und Bauern ankommt. Insbesondere wenn ein Käufer nicht 100 % der Erntemenge einer Kooperative abnimmt, wird die Preisdifferenz meist auf das gesamte Volumen verteilt und dadurch abgeschwächt. Hinzu kommt, dass die Betriebskosten der Kooperativen variieren – je nach Größe, angebotenen Dienstleistungen für ihre Mitglieder, Entfernung zum Hafen und weiteren Faktoren.
Garantiert die Zahlung eines Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen, dass Bäuerinnen und Bauern auch tatsächlich ein existenzsicherndes Einkommen erzielen?
Nein. Ein nachhaltiger Preis ist eine entscheidende Voraussetzung für ein existenzsicherndes Einkommen und für viele Kleinbäuerinnen und -bauern die Grundlage, um die nötigen Investitionen zur Optimierung der Produktivität und zur Stärkung der Resilienz ihrer Betriebe zu tätigen. Die Zusage, einen Referenzpreis zu zahlen, schafft Planungssicherheit: Sie gewährleistet den Landwirt*innen eine angemessene Rendite auf ihre Investitionen, ohne dass sie bei den grundlegenden Ausgaben für ihren Haushalt Abstriche machen müssen.
Allerdings reicht der Referenzpreis allein nicht aus, um sicherzustellen, dass Bäuerinnen und Bauern tatsächlich ein existenzsicherndes Einkommen erzielen. Es kommen mehrere Faktoren ins Spiel. Am wichtigsten sind Produktivität und Betriebsgröße. Um mit dem Verkauf einer bestimmten Pflanze ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen, müssen nachhaltige Ertragsniveaus erreicht und eine tragfähige Fläche für den Anbau zur Verfügung stehen.
- Das Fairtrade-Modell für existenzsichernde Einkommen ist ein ganzheitlicher Ansatz. Es basiert auf realistisch erreichbaren, nachhaltigen Produktivitätszielen und einer Betriebsgröße, die der vollen Arbeitsauslastung eines Haushalts entspricht. Das Nettoeinkommen eines Vollzeit-Betriebs mit nachhaltigem Ertrag würde mindestens einem existenzsichernden Einkommen entsprechen, wenn das Produkt zum Referenzpreis verkauft wird.
- Die Bäuerinnen und Bauern sind selbst dafür verantwortlich, nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken umzusetzen, um nachhaltige Zielerträge zu erreichen, vorausgesetzt, sie haben Zugang zu den erforderlichen Betriebsmitteln, technischer Unterstützung und finanziellen Mitteln.
- Landwirt*innen mit niedrigeren Erträgen erreichen voraussichtlich kein existenzsicherndes Einkommen durch den Verkauf ihrer Ernte. In solchen Fällen sind zusätzliche Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität notwendig, insbesondere wenn die Ertragslücke groß ist.
- Für Kleinbäuerinnen und -bauern mit nicht tragfähiger Betriebsgröße ermöglicht der Referenzpreis ein anteiliges Einkommen entsprechend dem investierten Arbeitseinsatz. Um jedoch ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen, sind in der Regel ergänzende Einkommensquellen erforderlich. Da nicht die gesamte Arbeitskraft der Familie auf dem Hof benötigt wird, steht Zeit für andere Einkommensmöglichkeiten zur Verfügung.
Sollte die Fairtrade-Prämie zusätzlich zum Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen gezahlt werden?
Fairtrade empfiehlt, dass die Fairtrade-Prämie weiterhin zusätzlich zum Referenzpreis an die Produzentenorganisation gezahlt wird. So kann die Organisation ihre Mitglieder dabei unterstützen, in die Produktivität der Betriebe und die Qualität des Kaffees zu investieren, Kosten zu senken und Einkommen zu diversifizieren – zum Beispiel durch technische Unterstützung, Darlehen, subventionierte Betriebsmittel und Ähnliches.
Sollten Qualitätsaufschläge (z. B. für Kaffee) zusätzlich zum Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen gezahlt werden?
Bestimmte Qualitäten erzielen aufgrund ihrer Art und Eigenschaften höhere Preise auf dem Weltmarkt. Der Fairtrade-Referenzpreis für ein existenzsicherndes Einkommen basiert auf den Lebenshaltungskosten für ein menschenwürdiges Leben sowie den Kosten einer nachhaltigen Produktion bei durchschnittlicher Qualität. Ein hochwertigeres Produkt kann höhere Produktionskosten verursachen, seltener verfügbar oder stärker nachgefragt sein – und dadurch einen höheren Preis erzielen.
Ein entsprechender Aufschlag im Vergleich zum Marktpreis zum jeweiligen Zeitpunkt sollte daher im Rahmen des Vertrags zwischen Käufer und Produzentenorganisation ausgehandelt werden.
Was ist der Unterschied zwischen dem GIZ Living Reference Price Estimator und den Fairtrade-Referenzpreisen für ein existenzsicherndes Einkommen?
Die der Berechnung des Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen zugrunde liegende Methodik wurde von Fairtrade International und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) abgestimmt.
Bitte beachten Sie jedoch, dass die Festlegung des Fairtrade-Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen einem strengen Prozess der Datenerhebung, -analyse und Stakeholder-Validierung durch Fairtrade International folgt. Der GIZ Living Income Reference Price Estimator bietet stattdessen eine methodisch angepasste Berechnung, deren Qualität stark von den vom Nutzer eingegebenen Daten abhängt.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Festlegung eines Fairtrade-Referenzpreises für ein existenzsicherndes Einkommen einem strengen Prozess der Datenerhebung, -analyse und Validierung durch relevante Akteure unter der Leitung von Fairtrade International folgt. Der GIZ-Rechner hingegen verwendet dieselbe Berechnungslogik, basiert jedoch auf Daten, die von Nutzer*innen eingegeben werden. Deren Qualität kann entsprechend variieren.
GIZ und Fairtrade raten in der Regel davon ab, eigene Referenzpreise in Herkunftsländern zu schätzen, in denen Fairtrade bereits Preise festgelegt hat. Zudem empfehlen wir, Fairtrade International zu kontaktieren, bevor eigene Preise berechnet werden. So kann geprüft werden, ob für das betreffende Land und Produkt bereits ein Preis in Entwicklung ist oder um mögliche Wege zur gemeinsamen Preisentwicklung zu besprechen.
Die GIZ und Fairtrade International raten generell davon ab, eigene Referenzpreise für das Lebenseinkommen in Herkunftsländern zu schätzen, in denen Fairtrade International bereits Preise festgelegt hat. Darüber hinaus wird empfohlen, sich vor der Schätzung eigener Referenzpreise mit Fairtrade in Verbindung zu setzen, um zu erfahren, ob ein Preis für das betreffende Land und das betreffende Produkt derzeit entwickelt wird, und um Möglichkeiten für die Erstellung eines solchen Preises zu besprechen, falls dies nicht der Fall ist.